Christian Börsing

Composer & Media Artist

Formation aus Recombinase


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Kodierungsschema des genetischen Codes.

In Christian Börsings elektronischer Komposition „Formation aus Recombinase“ aus dem Jahr 2000 findet ausschließlich Klangmaterial Verwendung, welches mit dem Computerprogramm „ProteinMusic“ generiert wurde. Das vom Komponisten entwickelte Kompositionsprogramm erzeugt auf der Grundlage von Aminosäure-Sequenzen elektronische Klänge. Es interpretiert DNA (bzw. RNA) -Basenfolgen , die aus der Aminosäurestruktur von Proteinen resultieren als variable Klangprozesse. Herzstück des Programms ist die Interpretation des universellen genetischen Codes als Generator für musikalische Entscheidungen.
Die Komposition „Formation aus Recombinase“ besteht ausschließlich aus den von „ProteinMusic“ errechneten Klangstrukturen, die durch Eingabe der Basenfolge des Reparatur-Enzyms Recombinase resultierten.
Nach einer intensiven Höranalyse dieser Outputs, erfolgte eine konzeptionelle Ordnung nach Klanggruppen:

1) Flächige Klänge mit Cluster- oder Akkordstruktur

2) Geräuschhafte Klänge, texturhaft

3) Perkussive Klänge, punktuelle Ereignisse

4) Klänge mit Glissandoverlauf

5) Komplexe Klangereignisse aus den Kombinationen 1 – 4

Die formale Anlage sowie die Binnenstruktur des Stückes ergibt sich aus der kombinatorischen Anordnung von Klangelementen der fünf Gruppen (Formationen).
Im ersten Teil werden Elemente aus den Gruppen 1 -4 sukzessiv ein- und fortgeführt. Material aus der fünften Gruppe wird zusätzlich in diese Abfolge eingestreut. Alle Fragmente erfahren eine einmalige Verwendung und werden nicht wiederholt. Davon ausgenommen ist das Startereignis des Stückes, welches als Zäsur zwischen kürzeren Formabschnitten als wiederkehrendes Motiv zu hören ist. 
Der zweite Teil folgt denselben Regeln, wobei das erwähnte Wiederholungsverbot nun aufgehoben wird. Repetitionen und Wiederverwendung der Fragmente sind hörbar. Längere Ereignisverläufe einer Ordnungsgruppe werden aufgetrennt und mit Elementen anderer Gruppen versetzt. In Tendenz entsteht durch Wiederholungen eine Verdichtung von kürzeren Klangverläufen, die allmählich zur Bildung von Patterns führt.
In der letzten Sektion des Stückes, welche durch eine lange Einblendung von den ersten beiden Formteilen separiert erscheint, wird die Patternbildung zum vorherrschenden Prinzip klanglicher und rhythmischer Gestaltung. Darüber hinaus texturieren zuvor verwendete Klangfragmente die ostinaten Patternfolgen. Die Ereignisdichte nimmt zu und kulminiert schließlich im lautesten Punkt des Stückes, ehe das Motiv des Anfangs epiloghaft ein letztes Mal erklingt.